Steckschlüssel 2

 

Research:


Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, mich eingehender mit der Problematik Knarrensätze im Speziellen und der Qualität von Werkzeug im Allgemeinen auseinander zu setzen. D.h. ich klemmte mich ins Internet und recherchierte, fuhr zu diversen Fachhändlern, horchte mich bei Werkstätten um und bei anderen Schraubern.
Ich stellte Fragen. Und die Antworten, die ich bekam … verwirrten mich. Und das war noch milde ausgedrückt. Ich begann die Infos zu kategorisieren und stellte dabei fest: Grundsätzlich lassen sich die Fan-Gemeinden in die „nichts außer Deutsches“ und die „auch Fernost“ Fraktion messerscharf unterscheiden. Müssen unterschiedliche Menschen sein.

 

Die einen schwören auf Highend, und da speziell auf deutsche Qualitätsarbeit (Stahlwille, Heyco, Hazet, Gedore z.B.) mit dem pricetag eines gebrauchten Kleinwagens. „Kannste noch deinen Enkeln vermachen“ (wen interessiert das Glück meiner Enkeln) die anderen nehmen auch das mid-price-Segment. Das ist meist von chinesischen Herstellern, die auch unter deutschen Namen hier in den Baumärkten wandern, z.B. Proxxon, oder die diversen Eigenmarken, wobei hier gravierende Qualitätsunterschiede existieren. Erwähnt wurden meistens die, die unter dem Label „Professional“ liefen. Das soll sie wohl von den absoluten low-cost-Kästen unterscheiden, die in den Baumärkten meistens weiter unten im Regal herumlümmeln, oder auf großen Paletten vor den Kassen, gleich neben dem Kaugummi standen. So einer wie mein Verblichener, Geklauter. Letzteren, das gleich am Anfang, hatte wirklich niemand in Verwendung.
Das Problem bei der Geschichte: Alle Werkzeuge sehen grundsätzlich von außen gleich aus. Das klingt banal, aber z.B. bei Knarrensätzen kann man als Laie nicht auf die schnelle sagen, ob es sich um einen guten Satz, oder einen schlechten handelt.
Die Qualität liegt nicht nur im Detail, sondern vor allem im Material, und dann sogar wie dieses verarbeitet wurde, und das kann man ohne einen mittleren Massenspektrometer, und einem handelsüblichen Elektronenmikroskop nicht mal Samstag Nachmittag im Supermarkt selbst bestimmen. Wenn also der Papa sagt: „Ist schwer, ist Qualität“, irrt Papa. Nicht grundsätzlich, aber tendenziell.


Die Bezeichnung „Chrom Vanadium“, sagt z.B. nicht aus, in welchem Verhältnis die an und für sich hochstabile Legierung gemischt wurde. Also z.B. nur vom Vanadium geküsst und damit weich wie eine reife Banane, oder in einem Verhältnis, dass es was bewirkt und auch die verrostetste Schraube anstandslos aus dem Eisen puhlt. Auch muss Werkzeug, damit es hohe Drücke halten kann, geschmiedet werden. Nicht gegossen. Stahl der gegossen ist, ist spröde, und zerbricht im bösesten Fall scharfkantig. Wenn man bei einem solchen Teil so eben das ganze Körpergewicht eingesetzt hat, sich dabei darüberbeugt, und das Teil gibt dann nach, und hat dann auch noch scharfe Kanten – Prost Mahlzeit. Kann sein, dass einem danach die Heftpflaster nicht genug sein könnten.
Seit der Einführung einer Din-Norm (z.B. DIN 838) für Werkzeug, ist das ganze besser geworden, aber der Ehrlichkeit halber muss man sagen, dass nur die wenigsten Importe aus dem Reich der Mitte auch geprüft werden, ob das Din-Zeichen, dass da auf ihnen prangt, auch wirklich eine Bezeichnung, oder nur optischer Aufputz ist.

 

Die Knarre


Ein Knarrensatz besteht, wie der Name sagt, zum einen mal aus einer Knarre.
Insbesondere bei diesen gibt es gravierende Qualitäts-Unterschiede. Knarren, dass ist für die Laien unter uns jenes Teil, das dafür sorgt, dass man nicht jedes Mal die Stecknüsse umsetzen muss, wenn man an einer Schraube dreht. Eine kleine Mechanik, die in ein Zahnrad eingreift sorgt dafür, dass man mit Hilfe eines Hebels den Druck aus jeder Position gut auf die Schraube bekommt. Dabei wird oftmals mit der Anzahl der Zähne als Qualitätsmerkmal geworben. Z.B. 72 Zähne versus 42. Das ist Quatsch. Die Anzahl der Zähne sagt nichts über die Qualität des Werkzeuges. So bietet z.B. Hazet, einer der high-end Werkzeugmacher Knarren mit 32, sogar mit 20 Zähnen an. Der Vorteil dieser niedrigen Zahnanzahl liegt darin, dass die Mechanik extrem robust gemacht werden kann, also auch ein sehr großes Drehmoment locker wegsteckt. Eine höhere Zahnanzahl hat hingegen den Vorteil, dass man mit ihr auch noch bei kleinstem Drehwinkel arbeiten kann. Das ist besonders bei Autos oft wirklich hilfreich. Nur hat dieser Vorteil keinen Sinn, sollten die Zähne so weich sein, dass sie sich schnell abnutzen und die Knarre damit nicht mehr funktioniert. Dann sind nämlich mehr Zähne auch schneller abgelutscht, weil kleiner. Und jetzt die traurige Wahrheit: Leider kann man die Langlebigkeit nicht wirklich vor dem Kauf testen. Die Funktion der Knarre selbst hingegen lässt sich auch für den Laien schnell einmal Testen.
Eine Knarre soll leichtgängig sein, aber trotzdem nicht viel Spiel haben. Am besten man probiert das einmal aus. Stecknuss aufgesetzt und geschraubt. Auch einmal die billigen mit den teuren Vergleichen. Man bekommt dann sehr schnell ein Gefühl dafür, welche was taugen und welche nicht. Auch sollte der Umschalter zwischen links und rechts leicht zu erreichen und auch gut zu bewegen sein. Wer immer zuerst einmal seine Ölpratzen waschen gehen muss, nur um bei der Knarre die Richtung zu ändern, wird sicher bald wieder lieber Silbermünzen sammeln.
Es gibt bei den Knarren übrigens zwei für uns wichtige Größen, die in Zoll angegeben werden, und den Durchmesser der Aufnahmen der Stecknüsse wiedergeben. (nicht die der Stecknüsse selbst). Und zwar ½ und ¼ . Es gibt auch 3/8 und sogar ein Zoll Knarren, aber das sind eher Exoten. Und leider braucht man auch beide Größen, also die kleine ¼ Zoll und die große ½ Zoll Knarre. Zumindest für das Auto. Will man Uhrenschrauben, geht’s auch kleiner.

 

Die Steckschlüssel


Die Steckschlüssel sind der zweite und nicht unwichtigere Teil eines Satzes.
Da die Steckschlüssel keine Mechanik beinhalten, gibt’s bei ihnen nur eines zu sagen: Entweder sie halten, oder sie halten nicht. Ob sie das tun, weiß man leider auch vor dem Kauf nicht, und da kann man sich nur auf die Marke verlassen. Steckschlüssel einiger deutschen Hersteller sagt man nach, geradezu „unkaputtbar“ zu sein. Dazu gibt es zahllose urbane Legenden im Netz. Vom Mechaniker, der mit einem 8-Tonnen-Bagger seine Knarre gespannt hat, um eine Mutter zu lösen. Und beide haben das überlebt. Also Steckschlüssel und Knarre. (Baggerfahrer auch). Also bei mir zerbröseln bereits bei meinen Couchpotato-Ärmchen eher die Muttern, als das Werkzeug, aber wer weiß, welches Rad die gedreht haben. (oder was da geraucht wurde.) Was ich auch sagen kann, ist der Umstand, dass in vielen Werkstätten Hazet-Kästen mit Steckschlüssel liegen, die aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts sind, original bestückt und noch verwendet.

 

Qualität

Was zeichnet also einen guten Stecknussensatz aus: Verarbeitungsqualität und hervorragende Stahllegierung. Und sonst nichts. Überhaupt nichts anderes. Punkt, Punkt, Punkt. Ob der aus Deutschland oder aus dem Reich der Mitte kommt, ist vollkommen egal.
Sinn macht, auch bei hohem Kraftaufwand erstens nicht kaputt zu gehen, und zweitens den Werker nicht zu verletzen. Wer in den diversen Werkzeugforen herumsucht wird den Eindruck gewinnen, dies wird er nur mit einem Qualitätssatz von Hazet und Co. erleben. Und wer sich so etwas nicht kauft, stirbt einen schrecklichen Tod, wird exkommuniziert mit einem Bannfluch belegt, und muss das Land verlassen. Aber bevor der eine oder andere jetzt losläuft und eine Hypothek auf sein Haus aufnimmt, um sich ein solches Edelteil zu bestellen, lese der geneigte Leser bitte bis zum Ende. Das stimmt nämlich so nicht.
Ich habe bei einigen der erfahrensten Schrauber auch Werkzeug „Made in China“ gesehen. D.h. bei gar nicht wenigen. Immer gut im Einsatz, wenn auch bei vielen, eher verschämt in irgendwelchen Werkzeugwägen versteckt.



Auf Nachfrage, wie zufrieden sie wären, bekam ich meistens die Antwort: „Kein Problem, aber es muss halt gute Qualität sein.“

 

Und da liegt der Hase im Pfeffer, der Hund begraben, das Eichhörnchen verscharrt. Während man bei deutscher Produktion sicher sein kann, dass das Werkzeug etwas taugt, ist das bei Fernöstlichem nur „nicht ausgeschlossen“. Auch wenn die „Nur Deutsches kommt an die edelsten Teile meines Autos“-Fraktion jetzt auf die Bäume springt, aber: Auch aus China kann gutes Werkzeug kommen. Aber das ist eben kein „muss“. Eher ein vielleicht. Also wenn man Glück hat. Um das Glücksspiel noch etwas spannender zu machen, wechseln viele der deutschen Importeure gerne einmal den Produzenten einer Reihe. Kann also sein, dass man im Frühling einen guten Satz bekommt, der ein Leben lang hält, und die Enkel glücklich macht, drei Monate später den absoluten Schrott. Steht das gleich Logo drauf, hat den gleichen Betrag gekostet, sieht gleich aus, hat die gleiche Garantie (hoffentlich) und ist trotzdem was ganz anderes.
Fortsetzung

 

 

 

Ein Reaktion zu “Steckschlüssel 2”

  1. Jens Haker schreibt:

    Stimmt, hatte bei Feinkostalbrecht vor Jahrzehnten ein Schlüsselsatz sowie ein Knarren-Nusssatz für schmales Geld (9 Mark) gekauft. Knarre dreimal angesetzt und weggeworfen- ne neue von Hazet für 30 Mark gekauft und seitdem mit dem Rest glücklich. Sogar in meinem kleinen Motorrollerersatzteilverkaufundschrauberladen.

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