IV (Honda CRX)

Die Sonne ging gerade unter, als ich nach einem 16 Stündigen Flug müde und durchgerüttelt von einem wildfremden Mädchen mit meiner Gitarre und den geradezu abartig riesigen Schwarzen Tramperrucksack in einen Jeep geladen wurde, die mich zu meiner UNI bringen sollte.

 

Ich hatte, kaum ein Jahr nach meiner USA Reise mit dem Ford Station Wagen (link->) aus unerfindlichen Gründen ein Stipendium in den USA zuerkannt bekommen. Warum gerade ich, warum gerade damals, ich weiss es nicht. Zum einen war das Stipendium eigentlich nur Englisch Studenten vorbehalten, und ich studierte Kommunikation und diverse andere Richtungen, aber sicher kein Englisch. (Also zumindest nicht das mir das damals bewusst gewesen wäre)

Zum anderen war mein Englisch unsagbar miserabel zu jener Zeit. Die Vier, die ich mir in meiner Gymnasialzeit regelmässig einfing, waren geradezu geschenkt oder erschwindelt. Meistens beides. Wie ich den Englisch Test bestanden hatte, und dann noch mit „Nativ Speaker“ Benotung war ein Welträtsel. Und zum Schluss war ich sicher einer der „bequemsten“ Studenten in meinem Jahrgang. Um es gelinde zu sagen.
Nach allem was mir an Fakten vorlag, war ich der denkbar unwürdigste Kanditat für diesen USA Aufenthalt.
Aber ich sass ich in diesen Jeep neben Susan aus Detroid, und fuhr in den Sonnenuntergang auf einer 8 Spurigen Autobahn mitten durch die unendliche Kornfelder des Mittelwestens. Es war warm und Sommer und ich hatte keine Ahnung was auf mich in den nächsten Monaten zukommen würde.

Und wenn ich mich irgendwann in meinen Leben wirklich frei gefühlt hatte war das genau in jenen Augenblick.

 

Nun ich sollte dort studieren, so stands wohl in meinem Stipendium. Ich hatte da aber meinen eigenen Pläne. Ich wollte wieder durch die USA fahren. Das ganze Jahr, das ganze Land mit meinem eigenen Auto abgrasen. Studium? ha! Das läuft nebenbei, und auch nur dann wenn es unbedingt notwendig war.
Ich sollte mich irren. Mit dem „Jahr“ zum einen, mit dem „nebenbei Studiere“ zum anderen.
Ich wusste damals noch nicht, das man in den USA unter Studieren einen Fulltime Job von 7 Uhr früh bis 8 Uhr abends verstand. Das man da wirklich was lernen musste, war für mich als mitteleuropäischen Studioso ein ziemlicher Kulturschock, der mir erst so richtig bewusst wurde, als mich „mein“ Professor gleich am ersten Tag zu sich zitierte und mir klar machte, dass er Spitzenleistung von mir erwartete.

„Spitzenleistungen“, wollte der Mann?! Wusste der von was er sprach?
In Europa hatte ich keinen eigenen Professor. Zumindest nicht, dass ich wusste. Einen Professor (oder so etwas ähnliches, ich glaubte zumindest, es könnte ein Professor gewesen sein) sah ich einmal aus eine der letzten Reihen in irgend einen Hörsaal. Gegenübergestanden bin ich damals noch keinen, persöhnlich sehen wollte mich der Mann sowieso nicht, und Leistungen verlangen…. um Gottes willen: Der Mann war Realist.
Die Uni, so machte mir mein USA Professor in jenem Gespräch am ersten Tag meines Studiums unmissverständlich aufmerksam, wäre Drill. Und er würde meine Fortschritte kontrollieren.
Ich war kreidebleich, als ich aus der Besprechung kam, dass kann ich euch sagen.

 

Das ich trotzdem zum herumfahren kam verdankte ich den Umstand, dass aus dem einen Jahr mehrere wurden. Und ich nebenbei gesagt, mich zu einen veritablen Studenten entwickelte. Wie auch immer. Eine meiner ersten Taten war die Suche nach einem geeigneten Auto.

 


Da sich meine UNI in der Nähe der Autostadt Detroid befand
, indem unter anderem der Jeep zusammengeschraubt wurde, wurden vor allem dieser zu Hunderten bei den einschlägigen und schmierigen Autoverkäufer für ein Butterbrot angeboten. Und ich meine: Für ein Butterbrot. Für das Geld, dass mich dort urplötzlich zum stolzen Besitzer eines offenen V8 mit Klima und Stereoanlage gemachte hätte, hätte ich hier gerade einmal einen 8 Jahre alten Fiesta mit durchgefahrenen Reifen bekommen. Wenn ich Glück gehabt hätte.

Ich war Feuer und Flamme. Jeep. Coool. Und ich hätte mir auch einen genommen, hätte ich eben nicht vorgehabt, das Land zu bereisen und dabei auch wirklich mit diesen Auto zu fahren. Ich meine, vom meiner Studentenbude bis zur Uni, also die 300 Meter… dafür wäre der Jeep perfekt gewesen. Super. Inklusive Strassenlage, Fullsize Reifen, Angeberbonus bei den daheimgebliebenen. Aber zum wirklichen Autofahren waren, so musste ich lernen, amerikanische Wägen, und insbesondere der Jeep, nicht geeignet. Alleine der Verbrauch der in Meilen pro Gallone, also 3,8 Liter, gemessen wurde, war astronomisch. Wollte man den Beschreibungen glauben frassen diese Kisten bis zu 20 Liter auf hundert Kilometern!!

Eine geschwinde Kopfrechnung ergab, dass mein ganzes Stipendium dem Durst meines Gefährts zum Opfer gefallen wäre, wäre ich auch nur einmal zur Westküste gebrettert und zurück.
Das ernüchterte. Schnell wurde mir klar, warum die, bei uns so verschmähnte Japaner, in den USA einen höheren Stellenwert genossen, als Mustang, Corvette und co.

Also musste wohl oder übel ein Japse her. Schussendlich entschied ich mich für einen Honda CRX. Einen von der alten Garde.

Honda CRX
Bild Copyright Wikipedia.
Ein kleiner Sportwagen. So wurde er von der Werbung angepriesen. Also um es vorweg zu nehmen. Sportwagen war es keiner. Klein war er schon. Quirlig würd ich ihn nenne. Er hatte eine Handschaltung, was in den USA eher die Ausnahme, und die verlieh im eine gewisses Gokart Feeling. Und ich hab ihn geliebt. Er hatte keine Klimaanlage, kein Radio, aber er fuhr und fuhr.
Ich bin mit meinem Honda in knapp 2 Jahren 100 Tausend Meilen gefahren, und hatte nie ein Problem.
Nicht in Canada bei minus 45 Grad. Selbst bei einen Blizzard, der nahe Thunder Bay die Strassen innerhalb kürzester Zeit mit einer knapp 20 cm dicken Schneeschicht versah, stoppte die Karre nicht. Meine Kiste fuhr da durch. Einige der mega four wheel Pickups waren da bereits im Strassengraben. In Florida kam ich mit ihm gut durch die Ausläufer eines Hurricans, der die grossen Trucks von der Strasse fegte. Der Honda kam durch.

In Virginia staunte ich nicht schlecht, als ich nach knapp Hundert km das Schild „Nächste Tanktstelle in 300 km“ sah. Der Honda brachte mich auch da hin.

Er hatte auch seine leichten Nachteile.
In New York hatten sie mir den Wagen aufgebrochen. Ein Bekannter fragte mich, warum ich auch so bescheuert gewesen wäre, und den Wagen zugesperrt hätte. Ich müsste doch wissen, das man Japaner zuerst aufbricht.
Andererseits half mir in Montana ein Cop in meinen Wagen einzubrechen. Ich hatte bei einem McDonald, meinen Schlüssel, den ich auf die Essensablage gelegt hatte, in den Mistkübel geworfen. Und der Ersatzschlüssel war im Wagen. Eh klar. Die Aussicht, zwischen Tonnen von alten McBurgern, und Rest-Ketchup mit Cola versifft nach dem Schlüssel zu graben, war nicht verführerisch. Ein Polizist zögerte nicht lange und holte sein Einbrecherwerkzeug aus seinem Strassenkreuzer und knackte die Tür. (Ich frag mich gerade wie ich diese Zeile schreibe, warum muss ein Polizisten dort ein Einbruchswerkzeug haben ??)

In Disneyworld
hab ich meinen CRX auf dem Parkplatz verloren. Echt wahr. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, ob ihn in der Trick, oder Track Section abgestellt hatte, und musst bis tief in die Nacht warten, bis der alle anderen Autos weggefahren war. Das Teil war so niedrig, dass man es beim besten Willen hinter den US Supersize Bigmac Cars nicht sehen konnte.
Alles in allem eine tolle Kiste. Verlässlich, beweglich, und sparsam. Und wie ich später erfahren musste, ein USAmerikanischer Kultwagen. (Dort war er Kult. Glaubt mir keine Sau, war aber so.)
Alles in allem war das der Wagen, wenn ich so zurückdenke, mit dem ich bis heute am liebsten gefahren bin. Der und der 600er Mercedes, von dem ich nächstes Mal schreibe.

lg Oswald

2 Reaktion zu “IV (Honda CRX)”

  1. blu schreibt:

    ich hab‘ mich gekruemmt vor mitgefuehl und bin schon auf deine naechsten geschichten gespannt!
    lg von blu aus dem kaffeeboard!

  2. Deep Blue schreibt:

    Schöne Story! 😉
    Aber mal nebenbei – der CRX hat seit Langem auch hier in Deutschland Kultstatus, ist längst ein Klassiker….Und „schmähen“ tun die Leute japanische Autos, die voreingenommen sind und für Tatsachen nicht viel übrig haben… 😉
    LG

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