Tag45:CE-SR070.05

 

Jeder der schon mal lackiert hat, weiss was das bedeutet. Für die anderen die Übersetzung: Es ist endlich soweit. Meine APE bekommt ihr Farbkleid.

 

Oh ich sag euch. Ich habs schon gar nicht mehr für wahr gehalten. Meine Fingerkuppen haben nicht das geringste Gespür mehr. Zwischendurch hatte ich Runzeln auf denselben, vom stundenlangen Nassschleifen, ich dachte die krieg ich nie wieder weg. Muss mit Hautfalten, so dick wie die Ohrenrunzeln von Dickhäutern durchs restliche Leben schleichen. Oder besser kriechen. Weil mein Rücken sang mir das Lied der letzten Tage, in denen ich in der Kabine gehockt, gerobbt, herumgekrochen bin.

Und jetzt sitz ich hier vor dem Laptop und vor mir der Mischbecher mit der angetrockneten Farbe. Er riecht sogar noch nach dem Lack. Hmmmmm- 🙂 ich sag euch, kann sich keiner Vorstellen, was das für einen bedeutet, wenn man es nicht einmal selber gemacht hat.

 

in der Karre

 

Hier bei meiner Lieblingsbeschäftigung. Dem Aussaugen. Hätt ich mir sparen können. Aber ehrlich. Aber ich habs doch immer wieder gemacht. Mit einer Leidenschaft. Unglaublich. Es hat gestaubt, dass die Nachbarn Keuchhusten bekamen. Weil es die einzige Beschäftigung war, bei der ich einen Erfolg gesehen habe. Beim Schleifen siehste nämlich nichts.

 

Kurze Info zum Lackieren. Folgende Arbeitsschritte sind notwendig.
1. Das Grundieren. Quasi der erste Rostschutz. Kommt direkt aufs ungeschützte Blech. Wenn diese Schicht oben ist kann der Flugrost nichts mehr tun. Deshalb werden alle andere Schritte erst nach diesem Grundieren ausgeführt, nämlich:

a. Spachteln und Schleifen. Um eventuelle Beulen und Unebenheiten auszugleichen.

b. Kleiner Löcher schweissen.

c. Verzinnen. Dazu muss der Lack an der Stelle wieder weg. Zinn hat die gleiche Funktion wie Spachtelmasse, ist aber widerstandsfähiger, aber auch fieser zu verarbeiten.

2. Füllern. Der Füller ist ein viskoser Lack, füllt kleinste Löcher aus und hat die Aufgabe die Oberfläche spiegelglatt zu machen. Der Lack, so hab ich mir sagen lassen, macht gar nichts mehr gerade. Was der Füller an Glätte nicht zusammen bringt, schafft der Lack nicht mehr. Deshalb trägt man den Füller in verschiede Gänge mehrmals auf und verschleift ihn mit ansteigender Körnung des Schleifpapiers. von 120 bis 600. Manche nehmen sogar 1000er Papier fürs Finishing. Dazwischen kann man bis zur letzten Füllerschicht noch Spachteln, falls es notwendig sein sollte.

3. Der eigentliche Lack. Ist sozusagen nur noch der Zuckerguss.

 

 

Zuvor hab ich noch alle, und ich meine alle verdammten Ritzen mit Polyurethan-Dichtmasse aus dem Rostschutzdepot abgedichtet.

Polyurethan1 Poly2Poly3

Zwei Kartuschen hab ich verbraten. Das verdammte Teil ist jetzt so dicht, damit überquer ich den Atlantik und steig in New York in trockenen Socken aus. Ich schwöre. Dazu muss man wissen, dass die APE geradezu „nass“ gebaut ist. D.h. die Kabine hat von Haus aus Ablauflöcher so gross wie ein Gullideckel, damit das Wasser, das durch irgendwelche Spalten und ritzen da hineinströhmt, auch wieder raus kann. Die Lösung ist Italienisch will ich mal sagen. Und dem Konzept konnte ich nicht viel abgewinnen. Weshalb ich auch das Polyurethan Massacker veranstaltet habe.

Und ein Massacker war es wirklich. Das Zeug hat nämlich die Eigenschaft, wenn es mal die Kartusche verlassen hat, dort auf immer zu haften, wo es hingespritzt wird. Und zwar für immer. Und wenn es die Karosserie ist, hat man Glück. Ist es die Hand…. na dann hilft auch kein Wasser. Ist ja Wasserfest, nicht vergessen. Kann nur wegwachsen.

Handschuhe Besser man nutzt Handschuhe. Oder noch besser, so ein Ganzkörperkondom aus dem Baumarkt und
Handschuhe.

 

VerletztChris hats mir nicht geglaubt und dann mit seiner „Schleif mal von der Haut weg Methode“ probiert die Pampe wieder loszuwerden. Mit gemischten Erfolg.

 

 

OwatrolDann kam noch Owatrol in jedes Verdammte Loch und jede noch irgendwie offene Ritze die das Polyurethan noch nicht verkleben konnte und dann war schleifen angesagt.

 

Das Zen und das Schleifen.

Das Brutale und Nervtötende bei dieser absoluten Knochenarbeit ist der Umstand, dass man eben keinen Fortschritt sieht. Nicht den kleinsten. Man schleift sich einen Wolf, um mit den Fingerkuppen nachzuspüren, ob es nur glatt sein könnte. Und irrt natürlich. Der Profi macht das wahrscheinlich mit seinem kleinsten verkrüppelten Finger. Ich hab mit meiner ganzen Hand getastet und gefühlt um dann erst wieder irgendwo eine Delle reinzuschleifen.

Nun die Ape ist sowieso nie glatt. Die wurde runzelig gebaut, aber dazwische, quasi zwischen diesen Runzeln hat das Blech Arschglatt zu sein. Das war mein Ehrgeiz. Eigentlich eher der Ehrgeiz von Claus, der mich in dieser Phase der Arbeit zu immer neuen Höchstleistungen anstachelte. Ich sag zu ihm seither nur noch „Grossmeister aller Grausamkeiten„. Na zumindest konnte ich ihn von 5 mal Füllern, auf drei mal herunterhandeln. Ein kleiner Erfolg für mich.

Braatze

Aber das schlimmst ist. Die ganze Arbeit und man sieht sie erst wenn die Karosserie lackiert ist, also gaaaaaanz am Schluss.

Also nichts für den ungeduldigen unter uns. Also überhaupt nichts für mich.

Und zwischendurch knotzt man sich an manchen Abenden in die Hängematte und fragt sich, für was mach ich das eigentlich. Für was leb ich? Was tu ich da eigentlich.

Alles sehr existenzielle Fragen, die den ein oder anderen dazu bewegt, seinen Schrotkarren im halb geschliffenen Zustand aufs Ebay zu schmeissen, und nie mehr einen Schraubenschlüssel angreift.

Ich hab versucht dem ganzen kontemplativ, ja meditativ zu begegnen. Also es mehr als ein Symbol für das Leben an und fürsich zu sehen. Quasi das Ape schleifen als Allegorie für die Mühen des Alltags. Profund, Profund.

Es mag Profund sein, gelungen ist es mir nicht. Die Arbeit hat mich in der Mitte derselben genauso angekotzt wie am Anfang und ganz am Schluss.

Ich hab die erste Füllerschicht geschliffen, mit der Energie des Dumben Knabe. 3 Tage lang.

Dann hat Claus die nächste Füllerschicht drüber gelegt, und ich bin da gestanden, wie vom Donner gerührt. Irgendwie hatte ich das Gefühl ichmüsste von ganz vorne wieder anfange. Nur das Korn des Schleifpapiers änderte sich von zuerst 120 auf 240 beim zweiten Mal schleifen (was nur viel mühseliger) zu 600 Korngrösse im letzten Gang.

Ich wollte sterben.

Aber, ich hab was daraus gelernt. Ich weiss nur nicht was. Aber irgend was hab ich sicher daraus gelernt, will mir nur im Moment nicht einfallen was.

Morgen wird der Rest geschliffen

und am Freitag den 4. wird gefeiert. Wer kommen will. Email an mich.

Ach ja, falls sich irgendjemand fragt was dieses CE-SR070.05 bedeutet. Das ist der Farbcode meiner Farbe.

Grüsse Oswald.

12 Reaktion zu “Tag45:CE-SR070.05”

  1. Rex schreibt:

    Für was Du lebst, das kann ich Dir sagen, um alles, aber auch alles aufzuschreiben, was Du bei dieser Restaurierung erlebt hast und noch erleben wirst. Hinterher ein Buch darraus zu machen, einen chinesischen Verleger findest(der Werkzeuge wegen) 2Millionen Exemplare verkaufst und reich und Glücklich bis an das Ende Deiner Tage 190 AMG fährst.
    Gruß Rex

  2. Chris schreibt:

    Ich habe befürchtet, dass dieses Foto irgendwann einmal auftauchen wird. Ich hatte ja davor gewarnt, diese Methode bei anderen Händen als „Schrauberhänden“ zu versuchen. Bei ersten Selbstversuchen hat es ja auch funktioniert, aber nur an der Handinnenfläche. Ja, ja, Übermut tut selten gut und so kam es, dass ich es auch auf dem restlichen Arm versucht habe, mit mäßigem Erfolg. Das Zeug war zwar weg, aber leider auch die ersten paar Hautschichten.

    Bei Fragen zu Wirkung und Nebenwirkungen wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Arzt oder Mechaniker.

    lg
    Chris

  3. CRen schreibt:

    Yeah, eine Piaggio Ape ist der Oberhammer! Aber selbst lackieren würde ich sowas bestimmt nicht… Respekt!

  4. Kai schreibt:

    Hi Oswald!

    Was macht die APE? Seit fast einem Monat hört und liest man nix mehr von Dir!! Jetzt wollen wir doch wissen

    a) wie sieht die Lackierung aus?
    b) hast Du die eier am 4.7. überlebt und
    c) hast Du immer noch Kopfschmerzen?

    Viele Grüße,
    Kai

  5. Kai schreibt:

    es soll natürlich Feier heißen… 😉

  6. Nico schreibt:

    langsam fange ich an mir sorgen zu machen, obwohl ja nun urlaubs-, grill- und feierzeit ist.
    oswald, bitte meld dich wieder mit neuen tollen endspurtgeschichten. gerade jetzt…

    viele grüße,
    nico

  7. micky schreibt:

    ich will da dem oswald ja nicht vorgreifen, aber er lebt noch, ich habe ihn heute lebend angetroffen, bei der ape! 😉

  8. Nico schreibt:

    das sieht ja aus, als ob der finale bericht in arbeit ist, oder wie? nachdem seit gefühlten monaten keine neuigkeiten mehr kommen und oswald bei der ape gesichtet wurde…
    bitte schnell, ich halt die spannung nicht mehr aus!
    danke schonmal. so ein entzug ist echt nichts schönes, wenn man sich mal so an die erfrischenden erlebnissberichte gewöhnt hat.

    viele grüße,

    nico

  9. Ape schreibt:

    OSWALD, DU ENTTÄUSCHST MICH SEHR!!!

  10. Kai schreibt:

    Hier ist wohl tot mittlerweile… 🙁
    Schade, war eine meiner Lieblingsseiten im Netz…

  11. Joerg schreibt:

    das ist aber nicht so schön 🙁
    ich hatte gedacht, das bis zum bitteren Ende geht.

  12. Nico schreibt:

    Nun ja, die Hoffnung besteht ja noch, das alles praktisch als Weihnachtsüberraschung weiter geht… ODER OSWALD?!?
    Wir wäre auch alle ganz dankbar und würden die allerschönsten weihnachtslieder singen.

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