Tag38:Spachteln und Schleifen….

… und spachteln und schleifen, und spachteln und schleifen.

Kann doch nicht so schwer sein, dachte ich mir. Man pappt auf die Beulen das Zeug rauf und schleift dann so lange bis das Teil einigermaßen gerade ist. Denkt der Laie. Dachte ich. Früher. Ganz früher. Da hab ich ja auch noch gedacht, ich wär im Januar fertig. Ha, was war ich naiv.

 

Arbeitsplatz

Mein momentaner Arbeitsplatz. Wenns nicht regnet, bin ich da jeden Tag von Mittag bis Sonnenuntergang anzutreffen. Gott sei dank regnets ab und zu….. Dahinter steht mein nächstes Restaurierungsobjekt. 🙂 Just kidding. Das ist einer von Claus´s Schätzchen. Jaguar.


Hier schleif ich jetzt seit 2 Wochen. Zirka. Können auch ein paar Wochen mehr sein. Gefühlt sind es auf jeden Fall „Jahre“. 4 etwa. Und wenn ich euch sagen würde, es wären die besten meines Lebens, ich würde lügen. Faustdick. An manchen Stellen trag ich bereits die 10 Schicht auf. Ehrlich. Das Positive daran, wenn es irgend etwas positives daran gibt, ist der Umstand, dass ich kontinuierlich abnehme. Aber das wars dann schon mit der Habenseite. Sonst seh ich jeden Tag am Abend aus, wie frisch aus der Sandstrahlkabine. Eine entsetzte Dame bei McDonalds, das ich zweck Kalorienaufnahme Spätnachtens beglücken wollte, wollte mich gar nicht bedienen. Hat wahrscheinlich geglaubt, ich käm von meinen Schlafplatz unter meiner Brücke. Daneben hab ich mir einen Tennisarm zugezogen, als würd ich für Wimbledon trainieren.

Sonst ist das ganze langweilig, nervig dafür aber sauteuer. Eine Dose Feinspachtel kostet knapp 20 Euronen, und ich hab schon die Vierte aufgebraucht. Klingt gut, nicht? Warum soll ich euch im Unklaren lassen. Wenn einer sagt, Spachteln und Schleifen macht ihm Spass, dann tretet schnell ein zwei Schritte zurück und sucht Deckung. (Oder ihr verratet ihm meine Adresse und er kann sich bei meiner APE austoben.Laughing)

 

Das ist bekanntlich der Zeitpunkt, indem der engagierte, fleissige, aufrichtige und unbeugsame Restaurator endgültig seine Geduld, und mit ihr seine Nerven über Board schmeisst, und das Teil, als „Teilrestauriert“ oder wegen „Hobbyaufgabe“ bei E-bay landet.
Für den wahren Motorschrauber ist das keine Option. Der fährt nach Italien, krempelt sein ganzes Leben irgendwie um und geht dann wieder ans Projekt.

 

Zuerst einmal hab ich ja, ich gesteh es offen und ehrlich, ursprünglich, als ich noch total naiv war, als ganz am Anfang, da hab ich gedacht, das mit dem Spachteln und Schleifen spar ich mir. „Ich bin doch kein Pfuscher“. Dachte ich, denn „Nur Pfuscher spachteln an ihren Karren herum“. Dachte ich. „Der Profi dengelt so lange am Blech bis das Teil aussieht wie neu. Dann noch ein paar Spritzer Lack drauf, und die Sache hat sich.“ War ich der Meinung.
Welch Fataler Irrtum. Nach ein paar Tagen herumgehämmere hab ich sogar im Industriegebiet, indem meine Garage stand, Ärger mit den Nachbarn bekommen, und kapiert warum Spengler ein Lehrberuf ist, den nicht mal die meisten Ausgebildeten nach drei Jahren wirklich beherrschen. Aus dem Piaggio Wellblech, das bereits bucklig aus der Fabrik kommt (was machen die mit dem armen Gefährt, das es aussieht, als hätte es die Pocken gehabt?) ein schön ebenes Gefährt zu bekommen, alleine mit Hämmerchen und Ambos, ist aussichtslos.

Das war die erste Lektion die ich lernen musste.

Wie ich später erfahren habe, von einigen altgedienten Autorestauratoren, wird (fast) jedes Fahrzeug, bei einer Totalrestaurierung gespachtelt. Ist so. Naturgesetz. Man kann auch Verzinnen, aber das hat denselben Effekt. Die Oberfläche so glatt zu machen wie es nur irgendwie möglich ist und dabei eine Schicht zwischen Lack und Blech zu legen. Am besten besser wie aus der Fabrik. Bei älteren Fahrzeuge sind die Karosserien bereits von der Fabrik weg gezinnt. Millimeter dick. Nix nur Blech.

Also weg mit dem Restaurierermythos, „nur das reine Blech zähle“. Karosserien werden bei der Restaurierung gespachtelt oder verzinnt. Ist so.

 

Die Zweite Lektion musste ich lernen, als ich anfing jede kleine Unebenheit mit der Spachtel einzeln anzugehen. Ich wollte sparsam sein. Aber, so musste ich lernen, beim Spachteln muss man klotzen und nicht kleckern. Rauf mit der Pampe und das ganze Blech eingesaut. Millimeterdick.
Dann mit dem Exzenterschleifer das gröbste weg. Daraufhin noch einmal mit dem Schwingschleifer nacharbeiten, und die Feinarbeiten mit der Hand und einen Schleifklotz.
Und dann das ganze wieder von vorne, und wieder und wieder.

 

Ekzenterscheifer
Mit der Zeit bekommt man Gefühl in den Fingerspitzen das man sich im Traum nicht hätte vorstellen können. Mann merkt auch noch die kleinste Beule. Selbst solche, die man mit einem Lineal gar nicht mehr sieht.

Wahrscheinlich auch solche die gar nicht mehr da sind. Aber das kommt vom Schleifstaub und den Härterdämpfen die sich ins Hirn schummeln.

Also Lektion Nr. 2. Rauf mit dem Zeug und zwar massig und flächig.

 

Hier ein Bild von einer meiner Türen.

Türe fertig

Wie ihr seht, ist die ganze Fläche eingespachtelt. Die dunklen Flecken sind das nackte Blech. Das weisse ist Feinspachtel, die von der Konsistenz feiner als die Füllspachtel, (das ist die Beige). Die erstere hab ich hauptsächlich dazu hergenommen, um die kleinen Blasen und Unebenheiten gefüllt zu bekommen. Füllspachtel ist um die Hälfte billiger als die Feinspachtel und von der Konsistenz her ausreichend. Aber geht leider nicht in alle Spalten lässt sich nicht so fein verteilen. Feinspachtel eben.
 

Ein Tip noch. Haltet beim Spachteln euer Zeug peinlich genau sauber. Auch wenns nervt. Spachtel und Mischbrett müssen nach jeden Auftrag sauber gereinigt werden. Porentief. Auch nur die kleinsten Teilchen alter gehärteter Spachtelmasse haben das Potential euch den ganzen Auftrag und die Fläche zu versauen. Ihr schabt euch mit so einem fiesen Brösel an der Abziehkante den Grand Canone in eure ansonsten pickfeine Oberfläche, und das muss ja nicht sein.

Ein weiterer Tip. Es heisst zwar, dass man die Spachtelmasse 4 Minuten verarbeiten kann, aber man sollte nicht immer alles glauben was auf den Verpackungen steht. Im Grunde ist Zwei Minuten nach anrühren es mit dem fröhlichen Spachteln bereits vorbei. Da bleibt das Zeug nur noch an der Spachtel kleben, zieht böse Riefen, und ein schöner Auftrag wird damit unmöglich. Also Zigarette ausdämpfen, Gespräche einstellen, und schnell das Zeugs auf das Blech bringen.

 

Was haben wir gelernt.

1. Das Spachten und Schleifen ein PitA ist („Pain in the Ass“, übersetzt so etwas wie die Hämorrhoide

des Autorestaurierens: Lästig aber bei alten Karossen unumgänglich.)

2. Wer etwas anderes sagt lügt.

 

Morgen schreib ich über meinen vierten Wagen, den ich hatte. Soviel sei schon verraten, es handelt sich um einen Japaner. Und ich hab ihn in Amerika über die Pisten gejagt. Amerika und Japaner? Geht das zusammen? Ja, aber mehr sei nicht verraten. Sonst wünsch ich allen noch einen schönen Tag, oder gute Nacht, je nachdem wann ihr das hier lest.

 

Liebe Grüsse

Oswald

7 Reaktion zu “Tag38:Spachteln und Schleifen….”

  1. Birker schreibt:

    Sieht ja schon recht gut aus, Oswald. Das mit den vielen Schichten Spachtelmasse hat schon seinen Sinn. Die Chance dass dir das Teil später einmal reisst wird dadurch viel geringer. Also immer schön aus dem Arm herraus. Und schreib weiter. Ich bin gestern die ganze Nacht an deiner Website gehangen. Kann dir nur sagen. So isses. Ich hab herzhaft lachen müssen. Auch die Phasen die du da durchmachst macht jeder Schrauber durch. Nur manche fangen nach ihrer persöhnlichen „Italienpause“ gar nicht mehr an mit dem weiterschrauben. Diese Hürde scheinst du genommen zu haben. Gratuliere.
    Sehe es mal so. Nach dem Spachtelschleifen, kommt das Füllerschleifen. Und dann bist du ja schon gut in Übung.

    Viel Spass noch
    Hans

  2. micky schreibt:

    na du machts mir gerade keine mut!

    das steht mir noch alles bevor beim 929 coupe, wenn ich es den irgendwann malbeginne zu restaurieren.

    andrerseits habe ich letztes jahr doch einige homöopathischen schleifstunden an rene’s a112 genossen, die für mich zeitweise durchaus erholsamen wert hatten, noch dazu wenn man bei der dritten oder vierten runde an der selben stelle grosse fortschritte feststellen konnte.

  3. okolyten - man schreibt:

    oh mann… hatte die hoffnung echt verloren, dass du weitermachst.
    lass dich net unterkriegen von „dem bissl spachteln und schleifen“ 😀

  4. Oswald schreibt:

    @micky
    Micky, wenn ich das früher gewusst hätte. Ich hätt dich brauchen können. Bei deiner Erfahrung. Aber zu spät.
    Halt. Der Füller muss ja auch geschliffen werden….. 😉
    @okolyten – man
    Nix untergkriegen. Ich schleif bis der Arm bricht, die Lunge zugestaubt, das letzte Schleiplatt verschlissen.
    🙂
    lg

  5. laurel1 schreibt:

    Mit dem Schwingschleifer wird es da gar nichts auf dieser Fläche!

    Da kannste spachteln und schleifen bis der Papst kommt.

    Besorge dir ein gerades gehobeltes Kanntholz in doppelter Länge der Tür. Dafür entsprechendes Schleifband von der Rolle, alternativ kurze Stücken aufkleben, was jetzt nicht der Reißer ist. Sicken etc. werden per Hand nachgeschliffen.

    Mein Angebot, Du schweißt mir den Volvo zu Ende (geht mit dem Rücken irgendwo nicht mehr) und ich spachtel und lackiere Dir die Türen ;-). Geht halt nur unter dem Carport und insofern kannst du kein ganz perfektes Ergebniss erwarten.

    Beste Grüße
    Peter

  6. laurel1 schreibt:

    Der erste Eintrag wird wohl für allgemeine Erheiterung sorgen und das mit Recht!

    Wenn man (n) schon einen Satz mehrfach umstellt, sollte das Endergebniss schon noch pasen. Mit Brille wäre das nicht passiert.

    Ich stelle mir gerade vor, wie jemand mit nem T4 danach seine Schiebetür bearbeitet. Mann nehme ein Kantholz von ungefähr 3,5 – 4 Meter Länge 😉

    Fakt ist folgendes, ich besorge mir bei geraden Teilen immer eine gehobelte Dachlatte (z.B. 6 auf 8cm), welche hier als Kantholz bezeichnet wird. Diese in der doppelten Länge des zu bearbeitenden Stückes.

    Daraus schneide ich mir das beste Teil so quasi als Lineal für die groben Vorarbeiten raus. Der Rest wird in passende „Schleifklötze“ zerteilt, wobei der „Klotz“ schon mal die Länge von knapp 30 Zentimeter erreichen darf

  7. oswald schreibt:

    Hi Laurel.
    Mach dir nichts draus. Ich verschreib mich andauernd. Danke übrigens für deine Beiträge.

    Oswald

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