Tag10: China, Mon Amour…

Fragt ihr euch auch, warum wir unsere Werkzeuge aus China kaufen müssen?

Ich hab da jetzt so meine Theorie.

Ich war drauf und dran, den Unterbau von meinem Fahrzeug zu lösen. Dazu war es notwendig, einige Schrauben zu lösen, die das Fahrgestell, mit Motor und Getriebe, fest mit der Karosserie verbanden.
Und die sahen so aus . . .
 

Nichts mehr zu machen

Das was hier aussieht wie in braunes Schoko-Crossie, ist die Schraube, meine Herrn. Und das ist nicht lustig.


Nichts als Rost, Modder und das Sickern der umbarmherzige Erkenntnis: Da kommst du auch mit einer Dose Rostlöser nicht weiter.
Ich kann das deshalb sagen, weil ich es probiert hatte. Hey, aus Erfahrung wird man klug.
Die Schraube hat den ganzen Rostlöser ohne was weggeschluckt, und sich dann schichtweise aufgelöst. Gelockert hat sie sich nicht.
Das passiert, wenn eine gewisse Fabrik in Italien meint, Gottes Segen alleine wäre der ideale Rostschutz.
Kinder: Auch der Liebe Gott hätte die Schrauben vorher verzinkt, bevor er sie dann, mit seinem Segen versehen, unbarmherzig ins Blech getreten hätte.

 

Ich setzte, proforma, einmal den Schraubenschlüssel an. Ich wollte mir nichts vorwerfen lassen, wusste aber, dass es sinnlos war. Warum ich es dann trotzdem probiere? Ich weiß nicht. Sturheit. Spieltrieb, das Spiel mit dem Feuer des Verderbens?
Meine 20er Stecknuss verkantete sich prompt so stark, dass ich fast eine Viertelstunde beschäftigt war, sie zu befreien.
Es folgte eine eingehende Meditation über verrostete Schrauben im Allgemeinen und meiner im Speziellen. Will heißen, ich setzte mich vor die Schraube und starrte sie an. Das beeindruckte die Schraube kaum.
Die Frage war ja, wie bekomme ich sie aus diesem Eck, ohne den gesamten Rahmen mit einer Säge in seine Bestandteile zu zerlegen.

 

Vor einigen Monaten hatte ich mir, in einem Anfall von Werkzeugkaufrausch (was wie gesagt seltenst vorkam) in einem Baumarkt einen kleinen Microbohrer gekauft.
Die gibt’s von Dremml oder Proxxon (das sind die Guten) oder von unzähligen chinesischen Herstellern (das sind die Anderen). Ich hatte mir einen Anderen gekauft.
Warum? Er war billig. Ich glaube gerade einmal 25 Euro. Was sind schon 25 Euro? Und dabei hat es 250 Watt!! Und mit dabei waren über 100 Werkzeuge. „Werkzeuge“ stand auf der Verpackung. Ich schwöre.
Ich probiere zuerst mit diesen Werkzeugen, vor allem Bohrern und Schleifköpfen herum, die sich aber jeweils innerhalb weniger Sekunden in Luft auflösen. Wirklich. In Luft. Ich hab die Einzelteile bis heute nicht mehr gefunden. Die waren wahrscheinlich nicht zum Bohren und Schleifen gedacht. Oder nur zum Bohren und Schleifen von Balsaholz, oder Schaumstoff oder so. Machte ja nichts. Ich hatte ja noch über hundert andere Werkzeuge. Stand auf der Verpackung. Diese Vorrat reduzierte sich rasant.
GeschafftIch griff mir eines nach dem anderen. Bis ich schließlich bei einer Art Trennscheibe landete. Die war mir Anfangs bereits ins Auge gesprungen, aber ich hatte sie als zu filigran abgetan. Als ich diese ansetzte, sprühten zumindest schon die Funken.

Ich verbrauchte zwei dieser Scheiben, und eine quälende und sehr lange viertel Stunde. Aber die Schraube war schließlich ab.

Mir tat jeder Muskel weh vom Gegenhalten, aber ich war stolz und glücklich. Schraube herunten. Fertig. Endlich.

 

Was ich vielleicht noch sagen sollte, man sollte die Schraube nicht gleich nach dem Flexen anfassen. Gibt eine ca 1 cm große Brandblasen. Nur so als Tip.

 

Was ich da noch nicht wusste, war der Umstand, dass von den 12 großen Schrauben, 11 genau so verrostet waren, und darauf warteten auf die gleiche Art operativ entfernt zu werden. Was ich auch nicht wusste, war der Umstand, dass die Microbohrmaschine noch während der zweiten Schraube ins Reich seiner chinesischen Ahnen ging (wo schon Millionen auf ihn warteten, ich wette) . Die Kohlen waren, (nach einer halben Stunde Betriebszeit,) hinüber.
Wäre alles kein Problem, hätte ich mir die blöder Rechnung aufgehoben. So fuhr ich zu einem anderen Baumarkt und kaufte noch einen Chinabohrer. Hey ich hatte gerade 25 Euro verbraten. Ich musste sparen. Auf dem neuen stand sogar 300 Watt, er kostete 5 Euro mehr, und hielt 3 Schrauben stand. Dann musste wohl eine Wicklung ihren Geist aufgegeben haben.
Schrott in der HandDa ich jetzt zumindest die Rechnung noch hatte, kam bald Bohrer Nummer drei. Der hielt dann allen restlichen Schrauben stand.

Das ganze dauerte letztendlich die letzten drei Tage (mit Bohrerholen.) Und war ermüdend. Und langweilig. Und wäre mit dem richtigen Werkzeug wahrscheinlich in 2 Stunden erledigt gewesen.

Aber was auch immer, morgen kann endlich der Motor runter und dann kann der Unterboden ab.

 

Ich hab doch eingangs geschrieben, dass ich wüsste, warum wir uns immer wieder diesen Chinaschrott zulegen. Nun. Erstens, sind bei diesen Bohrern selbst Proxxon und Dremml nicht Made in Germany. Das heißt man kommt gar nicht aus, und zum anderen ist es das „Prinzip Hoffnung“, so meine Theorie, das da tief und unauslöschlich in uns sitzt. Wir können nicht glauben, dass Werkzeug wirklich so schrottig sein kann. Sieht aus wie ein Bohrer, steht Bohrer drauf, sollte wie ein Bohrer funktionieren. Und so hoffen wir auf das eine, vielleicht einzige Mittwochs-Gerät, bei dem alles einfach nur funktioniert wie es soll. Keine fehlerhaften Kugellager, ein gut gewickelter Motor der hält, das Gehäuse ohne Gussnarben, die Kohlen widerstandsfähig.
Darauf hoffen wir, und fühlen uns dann wie Bolle, wenn eines der Billigramsch-Werkzeuge seine Garantiezeit wirklich überlebt. (Und das, weil es wahrscheinlich die ganze Zeit im Werkzeugschrank stand.)
Und deshalb kaufen wir das ganze Zeugs. Es ist ein Ü-Ei für Erwachsene. Und da zahlen wir ja auch nicht, weil das ganze etwas mit Qualität zu tun hat. Wie heißt es so schön, Überraschung und was zum Spielen. 🙂

 

Und was haben wir heute gelernt:

 

Dass geflexte Schrauben heiß sind,

und dass China von unserer unauslöschlichen Hoffnung an das „Gute im Werkzeug“ 200 Millionen Menschen locker ernähren kann.

 

 

Gruss Oswald

 

8 Reaktion zu “Tag10: China, Mon Amour…”

  1. schrauber30 schreibt:

    hi oswald
    kleiner insider tipp für zukünftiges schrauben: sooo verrostete muttern sollten mit einem mutternsprenger zu „lösen“ sein, spart viel zeit, jedoch sollte es ein qualitativer sprenger sein, dann brauchst du nur einen, gg
    und linksdreher sind für schrauben mit „abgenudeltn“ kopf sehr hilfreich.
    noch eine kleinigkeit die mir schon oft geholfen hat: *schraubendoktor* auf schraubenkopf auftragen, verbessert die haftung zwischen werkzeug und schraube!
    mutternsprenger und linksdreher gibts zb. bei spiral.
    schraubendoktor findest du bei louise (motorradzubehör).
    noch ein tipp für festsitzende schrauben: temperatur! also mit heissluftpistole rund um die schraube anheizen und die schraube mit kältespray abkühlen (wirkt wunder)!
    da fällt mir noch was ein für auspuffschrauben wo das gewinde nach der mutter verostet ist: die mutter löst sich oft leicht, läuft aber dann im rost fest, also einfach mit rostlöser (wd40) und drahtbürste das gewinde schön säubern, dann laufts wie geschmiert, gg!
    da ich selbst schon über 15jahre herumschraube (beruflich&privat), hab ich schon etwas erfahrung, also, falls du mal eine frage hast, einfach an uneunf auf yahoo.de
    ps: wer billig kauft, kauft teuer, aber das hast du ja schon selbst erfahren, gg

    viel erfolg noch und weiter so, deine texte sind sooo amüsant!
    bin fast täglich da!

  2. oswald schreibt:

    Hallo Schrauber 30
    Vielen heissen Dank für die Tips. Ich hab mir schon so was gedacht, dass es da irgendetwas geben muss. „Muttersprenger“ also. Merken. Ich hab mal danach gegoogelt, und muss zu meiner Schande gestehen, ich hab die Dinger im Werkzeugladen schon herumliegen gesehen, konnte mir aber nicht im Traum vorstellen für was man das benützen könnte. Ich hab sie dann für so was wie Flaschenöffner gehalten.
    Ja, Asche auf mein Haupt. Ist so.
    wd40 war auch das was ich auf der Mutter verbraucht habe. Aber war wahrscheinlich eine klassisches Schrauberfoul. Falsches Mittel für die falsche Sache.
    Dein Angebot nehm ich gerne an, war aber so frei deine Email oben für eventuelle Spammer unleserlich zu machen.
    Sonst hast du bald Post von „Verlängerungsspezialisten“.

    Gruss und vielen Dank nochmal
    Oswald

  3. Revil schreibt:

    Gutes Werkzeug spart wirklich eine Menge Nerven und Zeit. Und nicht zu vergessen den Mehrwert den man alleine durch die Freude daran hat 🙂

    Allerdings wär es damit wohl nicht so ein amüsanter Text geworden. Echt schön geschrieben, ich bleib dran! 🙂
    *Zu den Favoriten hinzufüg*

  4. wieseundco schreibt:

    Ich schließe mich meinem Vorschreiber an.

    Wenn du nun immer genau das richtige machst, mit dem richtigen Werkzeug, wie trocken wird denn dann dein Schraubertagebuch.

    Ich selbst habe auch gemerkt, dass man doch besser gleich richtig an die Sache heran gehen sollte, aber meistens liegt es auch einfach nur an dem Sturkopf.
    Da bröckelt man 1 Stunde an etwas mit der Zange rum und letzlich holt man sich das richtige Werkzeug und „schwups“, ist das getan, was getan werden sollte.
    Ich finde dein Tagebuch einfach genial. Auch wenn vielleicht einige denken, der stellt sich vielleicht blöd an. Doch auch diejenigen haben mal bei null angefangen.
    Grüße aus Bremen,
    Frank
    PS: Auch ich stelle mich bei Fragen weiterhin gern zur Verfügung.
    In diesem Sinne, halt die Ohr’n steif.

  5. Pommes - Peter schreibt:

    Weitermachen – einfach nur so weitermachen !!!!!!!
    PP

  6. Roalf schreibt:

    Hi Oswald,

    ich lese deine Geschichtlein mit großen Vergnügen. Nur weiter so.
    Was das ganze so Sympatisch macht: ich erkenne viel von meiner eigenen Bastlergeschichte…nur eben lustiger geschrieben 🙂
    Zwei kleine Tipps hab ich auch noch für dich.
    – Falls du in der Nähe eines der drei großen Motorrad-Zubehör-Vertickbuden bist (Prollo, Tante Luise, Hein Geröll), nimm einen Katalog für deine Toilettenbibiothek mit. Die haben auf ihren Werzeugseiten viel Kram den du e.t.w gebrauchen könntest (so z.b. die og. Mutternsprenger). Ich bin z.b. sicher, ingentwann wirst du auch „Helicoil“ benötigen…was das ist? Warte es ab :-). Und Motorradwerkzeug passt ganz gut… eine Ape ist ja auch eine Art Motorrad mit aktivem Ersatzrad.
    Tipp2: Du hast in einem Post vorher von deiner „Schutzmaßnahmenallergie“ gesprochen, beim Flexen (ob mit echter Flex, oder mit Dremlespielzeug) ist ganz schnell ein Auge hin. Nun gut, du hast noch ein zweites in Reserve…aber trotzdem. Sobald eine Flex ins Spiel kommt setzt auch der Profi sofort eine Brille auf (es sei denn du bist eh Brillenträger). Bloggen mit nur einem Augen ist nur noch die halbe Freude….

    Gruß
    Roalf

  7. Tag11:Java blue » Beitrag » motorschrauber schreibt:

    […] viel war ja nicht mehr zu machen. Die Schrauben waren ja bereits herunter (link). Die Leitungen weitgehend entfernt. Eigentlich ging es nur noch darum, die Karosserie aufzubocken, […]

  8. Tag47:Hochzeit, oder…. » Beitrag » motorschrauber schreibt:

    […] alle Schrauben von Motor und Fahrwerk, die fast zur Gänze bis zur Unkenntlichkeit verrostet waren, (Link zur Geschichte-> China mon amoure), durch Nirosta Schrauben ersetzt. Was teuer. Aber ich wollte kein Risiko mehr eingehen. Verzinkte […]

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