Beamtentango

Tja, es klang ganz einfach. Vor meiner Abreise nach Österreich wollte ich nur kurz mal zur nächsten KFZ-Zulassungsstelle in Berlin, meine APE wieder anmelden. Sollte kein Problem sein. War ja schon einmal angemeldet und nur ein Jahr still gelegt. Mit den Papieren hin, Versicherungsbestätigung hab ich. Nummerntafeln abholen, und gut ist. Dachte ich mir. Stellte ich mir vor.

 

Ich brauchte diese Anmeldung, sollte ich hinzufügen, denn der günstigste Weg meine APE nach Österreich zu bringen, war der Autozug.
120 Euro von Berlin nach Wien. Tja wirklich, die Bahn. Man wollte es ja nicht für möglich halten. Die restlichen 180 km von Wien weg, wolle ich wieder mit der APE fahren. Ja, ich bin ein ganz ein Mutiger. Aber das war ein Katzensprung geradezu, vergleicht man es mit der Tour von Dänemark nach Berlin. (link)
Aber für Beides brauchte ich ein Nummernschild und dafür musste ich meine APE anmelden.
Hier in Berlin. Bei den Behörden.
Hab ich erwähnt, dass in Deutschland die Bürokratie einen ganz eigenen Stellenwert einnimmt?
Mittwoch morgen: Ich also gaaanz früh aufgestanden. Ich wollte das ganze bis spätestens 10 Uhr hinter mir haben. Hin mit allen Papieren. Nummer gezogen (tja, muss man) vier Stunden gewartet (muss man auch) und dann vor dem Beamten Platz genommen (letzteres muss man nicht, aber das ganze stehend zu erledigen, ist nicht lustig).
Ich reichte ihm die Papiere. Alle die ich hatte. Auch die alte Zulassung. Er schaut sie sich an. Blätterte in seinem Computer, schnaufte etwas. Dann stand er auf, holte einen Kollegen.
Sie standen abseits und deuteten, während sie miteinander flüsterten, immer wieder auf mich.
Ich mag das überhaupt nicht, wenn man in meiner Gegenwart flüstert, schon gar nicht wenn man dann mit den Fingern auch noch auf mich zeigt. Ich fühl mich dann wie damals in der Schule.
Es dauerte eine kleine Ewigkeit bis sich mein Beamter wieder zu mir setzte. „Ähm“ sagte er, und nach all den Erfahrungen, die ich in Deutschland mit Behörden hatte, war „ähm“ ein schlechtes Zeichen. Die „nach oben gezogenen“ Augenbrauen waren ein weiteres untrügliches Zeichen für Ungemach, und am schlimmsten war das „um 90 Grad wegdrehen, und schweigen“. Das bedeutete ewige Verdammnis, oder ein Steuerverfahren, was aber das gleiche ist. Aber gleich danach, Fegefeuer quasi, kam „ähm“.
Ich war auf alles gefasst. Allerdings nicht auf das, was dann kam.

 

 

„Ihr Fahrzeug gibt es nicht.“ sagte der Beamte ruhig.
Für einen Moment hatte er mich wirklich überrascht.
„Ich versteh‘ nicht ganz.“
„Ihr Fahrzeug gibt es nicht. Wir haben es nicht im System. Sie brauchen eine Einzeltypisierung um es anzumelden. So ist es nicht anmeldungsfähig. Haben sie es aus Italien importiert?“
Ich schaute sprachlos auf die alte Zulassung, und den Deutschen Fahrzeugbrief.
„Ja stimmt, sie waren ja schon angemeldet. Aber wir finden für ihr Fahrzeug keine passende Identifikationsnummer. Demnach können wir es nicht wieder anmelden. Rechtlich gesehen gibt es ihr Fahrzeug für den Deutschen Gesetzgeber nicht. Tut mir leid.“
Was hat meine APE mit dem Deutschen Gesetzgeber zu tun?
Er drückte mir die Papiere wieder in die Hand und bevor ich etwas sagen konnte, sagte er:
„Der Nächste bitte, Nummer 221. Eintreten!“
Ich stand etwas betäubt vor der Tür. Einzelgenehmigung? Typisierung? Ich verstand die Welt nicht mehr. Meine APE, das unbekannte Wesen.

 

Ich fuhr trotzdem tapfer zum TÜV und klopfte an die Tür des verantwortlichen Herren.
Es war ein schrulliger 55er mit nach oben gezwirbeltem Schnurrbart, und seinen Dialekt nach Rheinländer, was mich leicht optimistisch stimmte.
Ich erklärte meinen Fall, zeigte ihm die Papiere, und fragte, was denn so eine Einzeltypisierung kosten würde.
„Viel“ war seine Antwort, während er durch die Papiere blätterte, „Aber wer hat Ihnen denn gesagt, dass Sie eine brauchen?“
Ich verwies auf die Anmeldestelle.
„Klar, ich kann mir auch schon denken, wer.“
Er griff zum Telefonhörer und sprach mit dem Beamten, der mich gerade so herzlos abgeschmettert hatte.
„26589. Ist doch egal, was da steht. Das ist ein Dreirad. Kapiert?“
Schmetterte er ins Telefon. Dann gab er mir die Papiere zurück und schickte mich wieder zur Behörde zurück.
„Anmelden und jut is.“
Ich also zurück zur Behörde, die war aber geschlossen. (Öffnungszeiten nur Montag 8-13 Uhr und Dienstags 14-17 Uhr und Mittwochs 8-12 Uhr) Und da sage noch einer, die Behörden hätten keinen Humor.
Eine Woche später, ich wieder hin, Nummer gezogen, drei Stunden gewartet (was machen eigentlich Leute, die arbeiten müssen?)
Wieder zu einen Beamten. Jetzt muss ich leider dazusagen, es war nicht der Selbe, wie das letzte mal, was in mir eine schlechte Vorahnung hochsteigen ließ. Es folgte, was folgen musste:
„Ihr Gefährt gibt es nicht.“
Nun war ich inzwischen Profi genug, dass ich, blitzschnell, bevor mich noch dieser Beamte vor die Tür setzen konnte, „TÜV“ stammelte. Anscheinend hatte der Herr nicht mit dieser Gegenwehr gerechnet, denn er hielt für einen Moment verblüfft inne.
„Der TÜV hat gesagt, es wäre kein Problem.“
„Wer?“ Verd… ich wusste den Namen nicht mehr, aber meinte, es müsste ein Rheinländer sein.
Der Herr Beamte schaute mich misstrauisch aus den Augenwinkeln an, und wählte die Nummer des TÜV.
„Wirklich? … Aber da steht doch eine andere Nummer. …. Ist gut. … und sie sind sich ganz sicher? Ok, wenn Sie das sagen.“ er legte auf.
„Ihr Fahrzeug gibt es.“ Teilte er mir stolz mit.
Ach nee.
„Aber wir stellen die Zulassungen um, und da gibt es noch ein paar Anpassungsschwierigkeiten.“
Ach nee.
Dachte ich jetzt, jetzt wäre alles vorbei, hatte ich nicht mit den bürokratischen Feinheiten des Anmeldeprozesses gerechnet.
„Ich brauche noch einen Abgasuntersuchung von Ihnen.“
Nun, das wäre grundsätzlich kein Problem, wenn nicht der Mann, bei dem ich drei Wochen zuvor den TÜV gemacht hatte, mir gesagt hätte, dass bei einem Dreirad keine Abgasuntersuchung gemacht wird. Ist nicht notwendig, wird vom Gesetzgeber nicht verlangt, wird nicht gemacht.
Und meine APE ist ein Dreirad.
„Ich brauche keine Abgasuntersuchung. Mein Fahrzeug ist ein Trike. Und Trikes brauchen keine Abgasuntersuchung.“
„Aber Ihr Fahrzeug wird doch als LKW angemeldet.“
„Ja“
„Und LKWs brauchen eine Abgasuntersuchung. Bitte machen Sie diese und kommen Sie dann wieder vorbei.“
„Aber mein Fahrzeug ist ein dreirädriger LKW, und braucht keine Abgasuntersuchung.“
„Sagt wer?“ hielt er mir entgegen.
„Der TÜV?!“ entgegnete ich leise. Ich traute mich schon gar nicht mehr etwas laut zu sagen.
„Sehen Sie, es handelt sich um einen dreirädrigen LKW, und dreirädrige Fahrzeuge brauchen keine Abgasuntersuchung, weil sie dreirädrig sind.“
„Sagt wer?“
„Der TÜV?“
Ich hatte ihn überfordert. Der Mann starrte an mir vorbei, gut zwei Minuten in die Luft. Dann hob er das Telefon ab und wählte, wie mir schien wahllos Nummern. Immer wieder fragte er dieselbe Frage.
Muss ein Dreirad eine Abgasuntersuchung machen lassen, oder nicht.
Und er bekam von drei Stellen drei unterschiedliche Antworten. Ein „Nein“, ein „Ja, klar“ und ein „kommt darauf an“. Der Herr Beamte fühlte sich elendig. Das konnte ich ihm ansehen. Ich fühlte mit ihm.
Inzwischen waren die Angerufenen meinem Beamten zu Hilfe geeilt, und brachen, in einem Kreis um uns stehend, in eine lebhafte Diskussion aus, bei denen sie sich abwechselnd irgendwelche Paragrafen um die Ohren schmissen. Einer, ein ganz eifriger mit Hornbrille aus den 60er Jahren, hatte ein dickes Buch mitgebracht, aus dem er Vorschriften zitierte.
Es entstand ein veritabler Streit, und ich wollte schon so weit gehen, einfach diese blöde Untersuchung machen zu lassen, nur des lieben Friedens willen.
„TÜV“ sagte ich laut.
Die Streitenden verstummten.
„Rufen wir doch den TÜV an.“ Es war meine einzige Rettung, dachte ich, der nette Herr aus dem Rheinland.
Ich konnte es bis hierher aus der Telefonmuschel hören. „Dreirad, …. befreit. ….Paragraf….“ Mit Rheinländischen Akzent.
Der Herr Beamte mit Hornbrille und dem Buch blätterte wie wild, den genannten Paragrafen nach, und zeigte ihn mir ganz stolz, als hätte er das immer schon gesagt, ja als hätte er ihn selbst geschrieben.
Er grinste.
Ich weiss nicht, aber ich konnte mich seiner Meinung nicht anschließen.
Da sass ich nur an dem Tag bereits 4 Stunden in der Behörde. In Summe ware es … na 2 Tage die ich damit verbracht hatte, nur eines zu tun. Ein Fahrzeug wieder anzumelden.

 

 

Was soll ich sagen, schlussendlich bekam ich Schein, Kennzeichen, meinen Willen und Frieden.
Ich nagle mir den Schein über mein Bett. Ist eine Trophäe. Schwer verdient. Ehrlich aber.
Tja, was man daraus lernt, ist Folgendes. Wer in Deutschland keine Nummer hat, existierst nicht. Für den Gesetzgeber.
Ist egal ob du physisch auf dem Hof stehst. Wenn du keine Nummer hast gibt’s dich einfach nicht. Dann brauchst du eine Einzeltypisierung.

 

 

Gruss Oswald

10 Reaktion zu “Beamtentango”

  1. wieseundco schreibt:

    Dieser Bericht mit den Behörden ist Ratttttttttttenscharf.

    Irgendwie erinnert mich das an meine Behördengänge.

    Klasse, klasse, klasse.

  2. ramses_pyramidenverleih schreibt:

    Tja mit den Behörden hatte ich eigentlich überhautp keine Schwierigkeiten mit meiner P2!
    …..aber lustig wars bei mir auf der Versicherung 😉

  3. Boeranha schreibt:

    Tja ganz so arg war es bei meiner P3 damals auch nicht, aber die „netten“ Damen vom Amt hatten auch viel zu flüstern und tuscheln, lachen und dann doch wieder in irgendwelchen Paragraphen zu stöbern um nach einer gecshlagenen Stunde dann doch noch den Chef zu Rate zu ziehen….

    Super geschrieben, deine Berichte, das gefällt

  4. Pommes - Peter schreibt:

    Geil , einfach geil . Lass da ein Buch von drucken , es wird ein Bestseller !!! Gibt es denn niemand im Ape – Forum , der irgendwelche Beziehungen zu Druckereien hat ???
    Starte doch einfach mal einen Aufruf !!!!
    Werbung für Dein Buch mach ich UMSONST auf meiner Ape für Dich .
    Pommes-Peter

  5. Oswald schreibt:

    Hallo Pommes Peter.
    Herzlich willkommen hier. Danke für das Angebot, wer weiß vielleicht wird wirklich ein Buch draus. Irgendwann einmal. Dann komm ich darauf zurück. 🙂
    Owald

  6. WEHOE schreibt:

    Es war amüsant es zu lesen,
    das Erleben hat wahrscheinlich einige Haar grau werden lassen.
    Aber ganz komisch:
    Warum hat mich nichts davon überrascht?
    (Ich habe auch noch einen AU-Bericht von einer TM,
    damals wußte ich noch nicht wo es steht)

  7. Gerhard Siegwart schreibt:

    Nur Verrückte fahren APE, oder auch einen anderen ganz Alten, Kleinen, Sonderbaren, nicht Behördenkonformen, … und was wär das Leben ohne diese Verrücktheit? Trostlos und langweilig.

    Zum Verlieben, das Dreirad, zum Schmunzeln, die Beamten, und lesenswert die ganze Seite. Einfach super!

  8. pipapo schreibt:

    Das ist das Leben, 2 Tage, unendliche Stunden voller Unverständnis, Bangen, Freude.
    Stunden die ein Dreiradfahrer nie vergisst.

    SUUUUPER Bericht, ………hab ihn 2 Tage lang gelesen.

    Gruß
    pipapo

  9. Jutta und Hans schreibt:

    Super Bericht, toll geschrieben. Hans ist gerade in München und wird dort morgen eine APE Classic zulassen bzw. es versuchen 🙂 Mal sehen wie es in Bayern funktioniert. Bei der Versicherung (HUK) hat er heute schon mal die Mitarbeiter an 3 Schreibtischen zum Rotieren gebracht. Allerdings gilt es dann, die APE nach Berlin zu überführen und bei der Suche nach „Ape + Autoreisezug“ stieß ich auf diese Website. Uns stellt sich die Frage, Höhe 1,68 m geht wohl nur aufs Oberdeck, aber kommt man da mit einer APE drauf? Trikes dürfen max. 1,56 m hoch sein :-(. Hat jemand Erfahrungswerte?
    Gruß aus Berlin-Charlottenburg
    von Jutta

  10. Bernd schreibt:

    Guten Tag erstmal und….
    einfach Klasse. Hätte von mir sein können.
    Aber das ist der Vorteil, wenn man kein 08/15-Fahrzeug besitzt. So schöne Geschichten können Golf-, Astra-, A-, Audi-, ….. und alle anderen unzähligen „Normalies“-Fahrer nicht vorweisen!
    Und ich will da noch eins draufzusetzen:
    Das Eppingchen soll von L3e auf L5e umgeschrieben werden.
    Achtung! Der Behördenwahnsinn beginnt!
    Gruß aus der Toskana Deutschlands und weiter so
    Bernd mit Eppingchen

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