Tag21:Der Tag der Tage…
9. Januar 2008Das ist er wohl jetzt. Der Tag: Tag 21 meines Schrauberdaseins. Muss ich mir merken. Im Kalender dick anstreichen. Roter Stift und zweimal ein Kreis.
Von außen sieht mans ihm eigentlich nicht an. Im Grunde eigentlich ein ganz und gar unauffälliger Tag. Der Tag bemüht sich geradezu ein extratypischer Januar Tag zu sein. Ein typischer grausiger Januar Tag. Nass, kalt, trüb. Etwas zu trüb vielleicht, aber sonst. Absoluter Durchschnitt. Auch das Morgenritual war dasselbe wie immer. Kaffee reinstürzen, Lukas graulen, Internet checken, dann anziehen und in die Werkstatt fahren.
Von außen, wie gesagt, sah man es dem Tag nicht an. Aber das ist meistens so. Und doch sollte es der Tag werden.
Ich meine, ich wusste das der Moment einmal kommen würde. Ich fürchtete es, ahnte es. D.h. Ich war nicht unvorbereitet. Das er einmal kommen würde war sicher. So sicher wie das Amen im Gebet, nur dass das Amen am Schluss kommt, der Moment von dem ich spreche aber uns Schrauber meistens irgendwo ziemlich genau in der Mitte eines Schrauberprojektes trifft. Und obwohl man weiß, das er kommt, ist es dann, wenn er dann schließlich wirklich da ist, unerwartet.
Meiner war jetzt gekommen.
Offiziell wird auch nicht darüber gesprochen. Man weiss das es den Tag gibt, aber hält ihn gerne unter verschluss. Spricht nicht darüber, in der Hoffnung den Tag zu bannen. In der Hoffnung, er möge an einem vorbei gehen. Tut er nicht.
Von was ich rede? Na von dem Augenblick, indem man vor seinem filetierten Liebling in der Garage steht, inmitten der total versauten Werkstatt, und sich selber freundlich und verständnisvoll fragt…
“ja sag mal tickst du eigentlich noch richtig? Hast du noch alle Tassen im Schrank, sind noch irgendwelche Schrauben in deinem Ölverseuchten Gehirn noch einigermaßen fest angezogen.”
Das kommt ca. 5 Minuten vor dem Satz:
“Wie kommst du auf die völlig verblödete Idee, dass du mit deinen zwei linke Händen das Wunderwerk der Technik wieder ganz bekommst.”
Extrembergsteiger trifft dieser Selbstzweifel meist so 200 Meter unter dem Gipfel eines x-beliebigen Achttausenders. Nur das ich noch nicht einmal das erste Basislager erreicht habe. Bildlich gesprochen. Bildlich gesprochen hab ich noch nicht einmal die Bergschuhe richtig zugebunden. Und bekomme schon massive Atemnot.
Gut, das Schicksal warf mir auch fiese Prügel zwischen die Füße. Das Schweissgerät musste schon wieder eingeschickt werden. Das ohne eine einzige Naht gesetzt zu haben. Und ohne Schweissen kann ich nicht Sandstrahlen, und ohne Sandstrahlen kann ich nicht lackieren und ohne lackieren wird das Teil nicht fertig. Ist so. Auch ist das mit den Ersatzteilen nicht ganz so einfach wie gedacht. Und ich hab immer noch keine Kaffeemaschine in der Garage. Und das, obwohl ich schon 6 Wochen daran arbeite. Am Fahrzeug mein ich. Ja an der Kaffeemaschine auch.
Gut, es gibt Leute, die werden jetzt über mich müde lächeln. Die arbeiten seit 10 Jahren an ein und demselben Fahrzeug, und brauchen mal locker den Winter 2004-2005 um das Chrom des Stossfängers vorne rechts aufzupolieren, und werden sicher auch die nächsten Winter noch an dem Gefährt verbringen.
Die haben sich vorgenommen das ganze bis weit in ihren verdienten Vorruhestand auszudehnen. (stimmt’s Rene ;)) D.h. das Auto muss man sich einteilen. Genüsslich. Und da kommt dieser Augenblick, von dem ich spreche, auch etwas zeitverzögert, ich schätz nach so 15-20 Jahren.
Aber bei mir muss alles etwas schneller gehen. Ich hab keine 20-30 Jahre sondern nur 3 Monate für das Projekt. Ende Februar muss die Ape wieder auf eigenen Füssen stehen, und wenn irgendwie möglich, fahren, ohne das ich sie schieben muss.
Deshalb hab ich auch, ich nenn ihn mal, den“Abgrundtiefenauswegslosenallesvernichtendenschrauberkrisentag” viel früher.
Nämlich jetzt, Nämlich heute.
Ich weiß, rückblickend, auch woher so was kommt.
Man arbeitet da so vor sich hin… zerlegen ging ganz gut von der Hand (war ich immer schon gut drin), auch der Unterboden war verhältnismäßig schnell heruntergeschabt. Gut der Kabelbaum gehörte gereinigt und repariert, vielleicht sogar neu gezogen… aber das mach ich später. Der Motor vom Rest zu trennen, war ein Kinderspiel, selbst so besoffen wie ich war. Nur der Motorblock hat einen Sprung.
Gut, reparier ich später. Ist ja dann immer noch genug Zeit. Die Vordergabel wurde zerlegt, entrostet. Gehörte jetzt neu lackiert und wieder zusammengebaut. Aber es fehlt ein Teil… Aber Teufel noch eins! Ist ein guter Grund das ganze auf später zu verschieben. Und irgend wann ist dann später. Und bei mir war “Später” heute. Und alle Baustellen bei meiner APE waren das was sie waren. Baustellen. Und dann siehst du vor lauter Baustellen dein Projekt nicht mehr.
Jetzt gibts eigentlich für den motivierten Schrauber nur zwei ehrliche Möglichkeiten.
1. Entweder du lässt es sein, und inserierst still und heimlich 3 Monate später auf Ebay. „APE-Teilrestauriert günstig abzugeben.“
2. Oder du beisst dich durch und lässt dir etwas einfallen.
Ich versuchte mir angestrengt etwas einfallen zu lassen.
Aber mir wollte nichts einfallen. 
In solchen Momenten versuch ich mich auf meine Management Vergangenheit zu besinnen.
Grosse unüberwindlich scheinende Aufgaben schafft man am besten, indem man sie in kleine überschaubare teilt und der Reihe nach abarbeitet.
Alte Weisheit. Und ganz wichtig: Nach jeden erfolgreichen Teilschritt sich selbst belohnen. Das mit dem Belohnen sollte ich hinbekommen.
Nur wo fand ich jetzt auf der Stelle eine kleine Aufgabe. Mein Blick wanderte durch die Werkstatt. Ich fand den lange vermissten 10er Steckschlüssel am Boden liegen und räumte ihn in den Kasten. Jetzt zur Belohnung.
Ich trink ne Tasse Kaffee.
Aber irgendwie schien das nicht das Ware. Da hatte ich vielleicht in 6 Stunden den Steckschlüsselsatz wieder vollständig, aber dabei auch eine handfeste Coffeinvergiftung. Und der APE half das kein Stück.
Jetzt greif ich wohl oder übel zu Plan B. Nein nicht heimgehen und aufs Sofa schmeissen. Sondern heimgehen, aufs Sofa schmeissen, Kaffee holen und einen Plan machen. Schriftlich. Mit Zeitvorgaben und am besten ausgedruckt. Damit ich mich auch daran erinnere. Teuflisch, teuflisch.
Basislager eins. Ich komme.
Was haben wir heute gelernt.
Ohne Plan kann man vielleicht Deutschland regieren, aber keine APE zusammenbauen.
Gruss Oswald

