Es ist Nacht, das Haus schläft und draußen hat es etwas geschneit. Lukas schnarcht neben mir in seinem Körbchen und im Kopfhörer hör ich leise James Taylor.

 

Und das ist der richtige Zeitpunkt ein oder zwei grundsätzliche Worte über mein Schrauben in den Computer zu klopfen.

 

Warum mach ich das eigentlich?

Auch schon mal gefragt? Warum tut man sich das an, und tauch seine Finger in Öl, versifft seine Gewand, schabt sich von allen erdenklichen Stellen die Haut von den Knochen.
Wenn jemand glaub es hat etwas mit Ruhm, Anerkennung und Ehre zu tun dann irrt er fatal. In jeder Beziehung. Zumindest für mich gilt das.

Ich stand kürzlich auf der Geburtstagsfeier, als ich von einem Bekannten gefragt wurde, was ich so machen würde.

Tja, schrauben,
antwortete ich, und zeigte ein Bild auf meinem Handy.

 

„Was machst du?…DASSS da richtest du her?!……Warum?“

 

Das „Warum“ war weniger ein „Warum“ warum , als ein „Gehts dir eigentlich noch gut“ Warum. Ein „Warum stellst du das Ding nicht in die nächste Werkstatt“ Warum. Ein „Warum schmeißt du das Ding nicht einfach weg und kaufst dir etwas gescheites“ Warum.

 

Was soll ich daraufhin sagen? Wie soll ich das erklären?
„Weil es Spaß macht?“ Ist zu wenig. „Weil ich es gerne mache?“ Trifft die Sache nicht annähernd.
Und dann, als ich noch grüble, was ich daraufhin entgegnen soll, fügt er hinzu…
„Hmm … ich bin ja auch gerade dabei mir ein Hobby zu suchen. Rosenzüchten vielleicht.“

 

Hobby? Rosenzüchten? Motorschrauben??


„Junge! Erstens: Die Frage sei gestattet, Fühlst du dich mit deinem YChromosomen nicht mehr wohl?
Und zweitens: Sag einmal wie in aller Welt kommst du dazu, Rosenzüchten mit Motorschrauben zu vergleichen“.

Das würde ich gerne sagen, aber statt dessen nick ich freundlich und saug am Punsch.

Ja, warum mach ich das eigentlich.

Denn genau das ist es was die Menschen denken, was ich, was Schrauber machen. Wir haben ein „Hobby“. Andere wühlen in der Erde wir im Öl. Und ich geb zu, dass es von Außen auch wirklich so ausschauen mag. Denn sie haben ja recht. Wir verkratzen uns die Bratzen, gehen mit Dreck unter den Fingernägeln zur Oper, verschmieren unseren besten Pullover, ruinieren den Boden, Wände und Waschbecken von unseren Heimen, füllen jeden erdenklichen Stauraum unsere Häuser mit Zeugs, der ölig und versifft, und für jeden anderen völlig nutzloser Müll, nur für uns die Schätze auf Erden, und belasten damit die Beziehung zu Freunden und unseren Partnern bis zur Sollbruchgrenze.

Ich glaube es ist eine Art die Welt zu sehen.

Für mich ist es z.B., der Moment mit mir alleine zu sein. Wir Männer sind nicht die Kommunikatoren vor dem Herren. Mit Reden haben wir’s nicht so. Das wir überhaupt das Sprechen gelernt haben ist ein Wunder. Dass das die Natur überhaupt vorgesehen hat, wahrscheinlich ein Missverständnis der Evolution.
Wenn meine Freundin mit ihrer Freundin spricht, versuch ich einige Zeit lang zu folgen und dann gibt mein Hirn auf und schaltet auf Standby. Graues Rauschen. Blickstarre.
Ich sag das wertfrei, es ist einfach so.
Auf Partys fnd ich Smaltalk ätzend. Was muss ich mich mit Menschen unterhalten, die ich nicht mag, über Dinge die mich nicht interessieren, um Zeit totzuschlagen die ich nicht habe.
Muss nicht sein.
Steh ich in der Werkstatt und beschäftige ich mich mit damit, den Vergaser zusammenzubauen, wird’s plötzlich still um mich und ich konzentriere mich nur noch auf das was ich mache. Als gäb’s nur das Teil und mich. Und ich setze meine ungeschickten Hände dazu ein, etwas dorthin zu bringen, wohin ich es haben will. Und wenn das klappt finde ich mich ein wenig weniger Ungeschickt. Und das ist Befriedigung.

Soll ich das meinen Bekannten auf der Party erzählen? Würde er es verstehen? Das ich einen Vergaser lieber 6 Stunden reparieren will, statt einen neuen zu kaufen? Eher nicht.

Er fährt, wie viele, seinen 7er BMW zur nächsten Werkstatt und ist stolz, dass er es sich leisten kann die Glühbirne von einer Fachkraft für 110 Euro die Stunde auswechseln zu lassen.

Würde er es selber machen wäre er schneller. Wahrscheinlich. Will er aber nicht.
Diese Menschen stecken ihre Jungs Vormittag in Strick- und Töpferkurse und nachmittags zum Psychologen und fragen sich nicht, ob das beide miteinander zu tun haben könnte.

Nicht das ich das eins zu eins zum Schrauben in Beziehung setzen will, aber früher haben wir uns die Wochenende im die Ohren gehauen, in dem wir aus unseren 50ccm Rostmühlen versucht haben jeden illegalen Kmh rauszuholen den wir nur irgendwie erreichen konnten. Mit 16 hab ich einen Zylinderkopf abgenommen, die Dichtung ausgetauscht, wieder raufgeschraubt, und das Ding fuhr trotzdem! Mit dem Selbstbewusstsein bin ich zur nächsten Party, hab ein Mädchen angesprochen, (war wirklich so) und die Vorstellung die nächste Zeit auf der Couch eines Psychologen zu verschwenden wurde absurd.

Heute darf der Sohn des Hauses seine Freizeit mit einem Reiki Kurs verbringen, den er zwischen seinem Klavier und Tenniskursus schiebt, um dann mit 18 eine PlastikAutoschüssel zu bekommen, dessen Motor quasi versiegelt und nur noch vom klinisch reinen Fachkraft geöffnet bzw.an den Laptop angeschlossen werden kann.

Später geht derselbe Sohn mit 35 zum Arzt um sich gegen ein Magengeschwür behandeln zu lassen, dass er sich geholt hat weil er mit der Welt die um ihn werkelt nicht mehr zurecht kommt. Weil er sich den Mechanismen einer Gesellschaft die er nicht mehr versteht hilflos ausgesetzt fühlt. Weil er nicht mehr weiß, welche Schrauben er drehen kann.

 

Hat das was mit dem zu tun warum ich Schraube? Ja und nein….

 

Ich machs kurz.

Wenn wieder einmal Außenstehende etwas lächeln, mit einem Anflug von liebevoller Arroganz auf unsere Schätze sehen, auf unsere Hände, die vielleicht nicht ganz so sauber, auf unsere Leidenschaft, denkt euch: Wir Schrauber sind eine seltene und auserwählte Brut.
Wir werkeln an den Herzen unserer Zivilisation. Diesen Maschinen, versuchen wir wieder lebendig zu machen, kriechen dazu in ihre Eingeweide und berühren dabei jene Götter, die uns vor hundert tausenden von Jahren von den Bäumen geholt haben. Was wir tun, ist viel mehr als das komisch im Kreis drehen von Werkzeug und Stahl. Mit Kraft Schrauben zu ruinieren, die wir dann wieder mit viel Mühe neu schneiden ist nicht Befriedigung in sich. Es ist das Gefühl etwas Ganz zu machen, was ohne uns vorher nicht Ganz war. Wir spielen nicht weniger als für eine Sekunde Gott und sind gleichzeitig Kinder in unserer Freude das es funktioniert hat.

 

Und aus allen diesen Gründen schraub ich. Und weil es unheimlichen Spass macht. Und das schönste. Das verstehen nur Leute die selber schrauben.

 

Gruss Oswald.
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8 Reaktion zu “…”

  1. Nachtfalke schreibt:

    So hab ich das noch nicht gesehen, aber ich versteh, was du meinst.
    Absolut lesenswerter Beitrag, wie eigentlich alles was du schreibst.

    Ich kann mich nur den anderen anschließen.
    Falls Schreiben nicht dein Beruf sein sollte mach ihn dazu. Und hör ja nicht mit dem Blog auf.

  2. Frank schreibt:

    Gab’s einen Grund warum du das geschrieben hast? Außer der Dumpfbacke auf der Party?
    Aber du hast ganz genau recht.
    Ich kann auch meinen Verwandten nicht begreiflich machen, warum 3 Käfer am Rasen stehen müssen, und nicht einer genug ist. 😉
    Ich werde mir den Text ausdrucken und allen vor den Latz knallen, die mich ab heute fragen.
    Und über den Werktisch kommt er auch. Wer die Garage betreten will muss das erst einmal gelesen haben.

    Schrauben rules Frank

  3. Jörg schreibt:

    Hi Osswald,
    Der ‚Mud Slide Slim‘ scheint Dich ja ganz schön prosaich gestimmt zu haben, oder wars der ‚blue horizon‘?
    But, you’ve got a friend, könnte Dir jetzt ein paar Seiten dazu schreiben, aber was bringts.
    Vielleicht ist es nur, sich auf was Wesentliches zu konzentrieren, Aussteigen, aus der schönen ‚Scheinwelt‘, der permanenten Erwartungshaltung anderer, selbst der eigenen Frau, Freundin, Familie etc.
    Nur mal versuchen, sich seiner eigenen Erwartung gerecht zu werden, ohne Beeinflussung von aussen und wenns noch so beschissen wird.
    Das kann aber auch rosenzüchten, oder malen, oder schreiben sein.
    Wichtig ist, – ein Spruch eines französichen Philosophen, dessen Namen ich leider vergessen habe – “ Denn Du hast Dein Leben nicht gelebt, wenn Du es nicht gelebt hast, wie Du es hattest leben wollen“
    Gruss
    Jörg

  4. admin schreibt:

    Das sind die besten Sprüche Jörg. Von französischen Philosophen, deren Namen wir leider vergessen haben. 🙂
    Ja, aussteigen.. weiss nicht. Bin ich eigentlich nicht. Bin mitten drin, und fühl mich eigentlich auch ganz wohl. Aber manchmal jucken mich schon die ein oder anderen Leute genau da wo ich mich nicht kratzen kann. Und das nervvvvvt.

    Gruss

    BTW. Das mit dem Forum. Ich hab schon mal darüber nachgedacht, aber einfach zur Zeit keine Zeit. Vielleicht nach Weihnachten.
    Die Idee ist auf jeden fall gut.

    Gruss

  5. Jörg schreibt:

    Altersblödsinn???
    Die Sprüche waren wenigstens gut, zumindest sind ein paar haften geblieben.
    Mit Austeigen meinte ich nur, weg von der Designercouch, geleastem BMW, Champagnerschlürfen, oberflächlichem bla bla, Trittbrettfahrerei, mobbing, verschwuchteln…..
    Brauchst nicht in den Wald zu gehen und nur noch Tofu in Dich hineinzuschaufeln.
    Gruss
    Jörg

  6. schrauber30 schreibt:

    WARUM ?? das ist die frage aller fragen !

    warum renoviere ich seit über 5 jahren einen alten bauernhof?
    weil ich den platz der nebengebäude (garagen) für meine autos brauche!

    warum hab ich meine freundin verloren?
    weil ich zu viel zeit mit meinen autos verbrauche!

    warum hab ich einen sicheren arbeitsplatz aufgegeben und mich selbstständig gemacht?
    weil ich das geld das ich dadurch mehr verdiene für meine autos brauche!

    warum wurde ich bereits auf beiden handgelenken operiert?
    weil meine gelenke durch berufliches und privates schrauben (an autos) schon etwas abgenutzt sind!

    warum…….

    u.s.w.

    und wenn jetzt jemand wissen möchte ob es nicht besser wäre ich würde rosen züchten, N E I N !!!!!!!
    mich intressieren rosen einfach nicht, sonst wäre ich florist geworden und nicht mechaniker !!!!

  7. HAI schreibt:

    Ich schraube auch seit 25 Jahren, nicht an Autos sonder an Schokomaschinen.Aber ich kann auch nicht mehr damit aufhören wer einmal Schraubt der Schraubt immer!

    HAI

  8. Gerhard Siegwart schreibt:

    Warum? Darum!

    Wenn du schraubst wie du schreibst, dann wird das Dingens. Ganz sicher!

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